Das lernende Gehirn – Entfalten Sie Ihr lebenslanges Potenzial

Lernen aktiv angehen

Jahrelang glaubte man, dass das Gehirn im Erwachsenenalter so gut wie fertig ausgebildet sei, was das Erlernen neuer Fähigkeiten im späteren Leben erschwere. Das könnte nicht falscher sein!

Forschungsergebnisse zeigen nun, dass die Neuroplastizität des Gehirns – also seine Fähigkeit, sich neu zu vernetzen und anzupassen – in allen Lebensphasen aktiv bleibt. Das bedeutet, dass wir die spannende Fähigkeit besitzen, uns ein Leben lang weiterzuentwickeln, zu verändern und zu lernen.

Der Schlüssel zur Nutzung dieses Potenzials liegt darin, zu wissen, wie das Gehirn Informationen verarbeitet, Erinnerungen festigt und auf emotionale Reize reagiert. Das Verständnis der wissenschaftlichen Grundlagen der Neuroplastizität wird uns helfen, besser zu lernen, tiefere Verbindungen zu knüpfen und neue Herausforderungen selbstbewusst anzugehen – unabhängig vom Alter. Wenn es ums Lernen geht, sind die Möglichkeiten wirklich grenzenlos!

Werfen wir einen Blick auf die sechs wichtigsten Punkte, die man beim Thema Lernen und Gehirn beachten sollte.


Neuroplastizität: Dem Lernen sind keine Grenzen gesetzt

Die Neurowissenschaften haben bewiesen, dass die Redensart „Man kann einem alten Hund keine neuen Tricks beibringen“ schlichtweg falsch ist. Die Fähigkeit des Gehirns, zu lernen und sich zu verändern, bleibt ein Leben lang erhalten.

Neuroplastizität bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns, sich durch die Bildung neuer neuronaler Verbindungen neu zu organisieren. Sie ist der Grund dafür, dass sich das Gehirn auch im Erwachsenenalter noch erweitern kann, um neues Wissen aufzunehmen. Diese Verbindungen sind nicht feststehend; sie passen sich je nach Erfahrungen, neuem Lernen und sogar Verletzungen an. Ganz gleich, ob Sie mit über 50 eine neue Sprache lernen oder zum ersten Mal ein Musikinstrument in die Hand nehmen – das Gehirn ist stets in der Lage, zu wachsen und sich anzupassen.

Studien zeigen, dass wiederholte Herausforderungen das Gehirn physisch umgestalten, wobei sich bestimmte Bereiche durch wiederholte Nutzung vergrößern. Eine Studie über Londoner Taxifahrer ergab, dass ihr Hippocampus – der Teil des Gehirns, der für die räumliche Orientierung und das Einprägen von Straßen und Karten zuständig ist – deutlich größer war als der von Busfahrern in derselben Gegend. Der Grund? Taxifahrer müssen ständig komplexe und wechselnde Routen bewältigen, während Busfahrer jeden Tag dieselben Strecken fahren. Wenn das kein ausreichender Beweis ist, weiß ich nicht, was sonst.

Solange das Gehirn auf neue Weise gefordert und angeregt wird, kennt die Lernfähigkeit keine Altersgrenzen.


1. Lernen ist eine emotionale Angelegenheit

Lernen findet nicht im luftleeren Raum statt; es erfordert emotionale Beteiligung. Das Gehirn wägt die emotionale Bedeutung von Erlebnissen ab, wenn es entscheidet, was es wert ist, gespeichert zu werden, und was hingegen verworfen werden kann. Das bedeutet: Wenn etwas eine starke emotionale Reaktion auslöst – sei es Freude, Aufregung, Frustration oder sogar Angst –, ist es wahrscheinlicher, dass man sich daran erinnert.

Der Hippocampus nimmt eine Erfahrung auf und bewertet deren emotionale Bedeutung sowie deren Neuartigkeit, um zu entscheiden, was es wert ist, in Erinnerung zu bleiben. Wenn eine Erfahrung oder eine Information starke Emotionen hervorruft oder etwas Neues und Einzigartiges bietet, misst das Gehirn ihr eine größere Bedeutung bei.

Deshalb können wir uns an emotional aufgeladene Ereignisse oder Themen, die uns am Herzen liegen, leichter erinnern als an Momente, in denen wir uns gelangweilt haben.

Was bedeutet das für den Lernprozess? Je stärker man emotional in den Unterrichtsstoff eingebunden ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass man sich Informationen merkt. Ebenso gilt: Wenn einem ein „langweiliges“ Thema in einem ungewöhnlichen Umfeld vermittelt wird – beispielsweise beim Lernen im Freien –, kann man sich diese Informationen viel leichter einprägen. Ohne eine gewisse emotionale Relevanz kann selbst die wiederholte Konfrontation mit Informationen keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.


2. Der Überlebensmechanismus des Gehirns

Im Grunde ist das Gehirn auf das Überleben ausgerichtet. Es hat sich so entwickelt, dass es die eigene Sicherheit gewährleistet, indem es Informationen, die als belohnend oder bedrohlich wahrgenommen werden, vorrangig speichert und den Rest ausblendet.

Heute beeinflusst derselbe Mechanismus, wie wir in unserem modernen Leben lernen. Wenn Ihr Gehirn eine potenzielle Belohnung wahrnimmt – sei es Lob von einem Vorgesetzten, persönliche Zufriedenheit oder ein finanzieller Anreiz –, steigert dies Ihre Aufmerksamkeit und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Informationen im Gedächtnis bleiben. Ebenso kann die Gefahr eines Scheiterns oder negativer Konsequenzen die Konzentration schärfen und das Gehirn dazu anregen, Lernerfahrungen zu verinnerlichen, die helfen, Gefahren oder Fehler in der Zukunft zu vermeiden.

Während Belohnungen das Lernen fördern können, können chronischer Stress oder ein ständiges Gefühl der Bedrohung den gegenteiligen Effekt haben. Wenn das Gehirn von Bedrohungsreaktionen überfordert ist, kann es in den „Kampf-oder-Flucht“-Modus wechseln, wodurch die kognitive Flexibilität eingeschränkt wird und das Erlernen neuer Informationen erschwert wird. Das Gleichgewicht zwischen Herausforderung und Belohnung ist entscheidend für die Schaffung einer effektiven Lernumgebung und das Erreichen von Höchstleistungen.


3. Die Rolle des Schlafs beim Lernen

Der Schlaf spielt eine entscheidende Rolle bei der Festigung von Erinnerungen. Während des Schlafs überträgt das Gehirn wichtige Informationen aus dem Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis. Ohne ausreichende Erholung wird dieser Prozess unterbrochen, was die Gedächtnisleistung beeinträchtigt. Studien haben durchweg gezeigt, dass Schlafmangel die kognitiven Funktionen, das Gedächtnis und die Fähigkeit, neue Fähigkeiten zu erlernen, erheblich beeinträchtigen kann.

Erholung Priorität einzuräumen ist entscheidend für die Unterstützung aller Körpersysteme. Das Gedächtnis und die Gesundheit des Gehirns bilden da keine Ausnahme. Ausreichend Schlaf nach dem Erlernen neuer Informationen verbessert Ihre Fähigkeit, sich später daran zu erinnern, erheblich. Dies ist ein wesentlicher Bestandteil jeder erfolgreichen Lernstrategie.


4. Der erste Eindruck zählt

„Man bekommt nie eine zweite Chance, einen ersten Eindruck zu hinterlassen“ – das gilt für das Lernen genauso wie für soziale Interaktionen; erste Erfahrungen prägen das Gehirn am nachhaltigsten.

Die Art und Weise, wie wir etwas zunächst lernen – egal, ob richtig oder falsch –, hat einen starken Einfluss darauf, wie gut wir diese Informationen behalten. Das liegt daran, dass erste Eindrücke stärkere neuronale Verbindungen bilden als spätere, wodurch sie schwerer wieder rückgängig zu machen sind. Es ist einfacher, gute Gewohnheiten beizubehalten und zu festigen, als schlechte Techniken wieder abzulegen. Deshalb sage ich immer: Man sollte die Dinge von Anfang an richtig machen.


5. Aversives Lernen – Mit Vorsicht anzugehen

Aversives Lernen – also das Lernen durch negative Erfahrungen – kann zwar wirksam sein, um Fehler zu vermeiden, ist jedoch weniger geeignet, um positive Verhaltensweisen zu vermitteln. Ob gut oder schlecht: Negative Erfahrungen hinterlassen oft die tiefsten Spuren im Gehirn. Ein Kind, das einen heißen Herd berührt und sich die Hand verbrennt, wird diesen Fehler wahrscheinlich nicht wiederholen. Eine Person, die von ihren Bezugspersonen ständig angeschrien wird, wird sich wahrscheinlich nicht wohl dabei fühlen, Konfrontationen einzugehen oder sich selbstbewusst zu äußern. Der emotionale und körperliche Schmerz schafft eine starke, einprägsame Assoziation, die zukünftige „Fehler“ verhindert.

Negative Erfahrungen hinterlassen bleibende Spuren. Deshalb ist aversives Lernen (oder „positive Bestrafung“, wie es die Anhänger der klassischen Konditionierung nennen) für die Vermittlung positiver Verhaltensweisen weniger geeignet. Der ständige Rückgriff auf Angst oder Bestrafung kann ein feindseliges Lernumfeld schaffen, in dem Kreativität und Engagement unterdrückt werden und die Zurückhaltung so groß ist wie nie zuvor.


6. Soziales Lernen: Die Kraft der Verbundenheit

Menschen lernen sozial. In Gruppen lernen wir effektiver, sei es durch direkte Anleitung, Beobachtung oder gemeinsame Erfahrungen. Wenn wir beobachten, wie andere eine Aufgabe erfolgreich bewältigen, glauben wir eher, dass auch wir auf dieselbe Weise Erfolg haben können. Soziales Lernen fördert die Ausschüttung von Oxytocin, was die Neuroplastizität steigert und das Aufnehmen von Informationen erleichtert. Führungskräfte und Mentoren, die gute Lerngewohnheiten und Verhaltensweisen vorleben, können andere dazu inspirieren, ihrem Beispiel zu folgen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist das Geschichtenerzählen. Geschichten sprechen mehrere Bereiche des Gehirns an und schaffen so tiefere, einprägsamere Verbindungen. Wenn wir eine Geschichte hören, setzen wir sie oft mit unseren eigenen Erfahrungen in Verbindung und stellen emotionale und kognitive Verbindungen her, durch die sich die Informationen besser einprägen. Deshalb ist der Einsatz von Geschichten in der Lehre, in Schulungen und in der Führung so effektiv.


Alter ist nur eine Zahl

Lernen kennt keine Altersgrenze. Die Fähigkeit des Gehirns, sich durch Neuroplastizität anzupassen und weiterzuentwickeln, bedeutet, dass das Lernen niemals aufhört. Es wird durch emotionale Beteiligung, Überlebensinstinkte, ausreichende Erholung und soziale Interaktion angetrieben – nicht durch das Alter!

Ganz gleich, ob Sie neue Fähigkeiten erwerben, Ihre Karriere vorantreiben oder einfach nur geistig fit bleiben möchten – zu verstehen, wie das Gehirn lernt, ist der erste Schritt, um sein volles Potenzial auszuschöpfen. Indem Sie in emotional relevante, zeitlich gut abgestimmte und sozial anregende Lernerfahrungen investieren, können Sie sicherstellen, dass sich Ihr Gehirn weiterentwickelt und anpasst, ganz gleich, in welcher Lebensphase Sie sich gerade befinden.


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